Feb
Recherche

Wie war es eigentlich im kirgisischen Frauenhaus?

Als ich vor ca. drei Jahren mit meiner Recherche über den Brautraub in Kirgistan begonnen habe, lernte ich Mahabat Sadyrbek kennen. Die Kirgisin ist Expertin für zentralasiatische Kultur und lebt inzwischen seit vielen Jahren in Deutschland. Sie hat sich nicht nur sehr bemüht, mir ihre Kultur vorzustellen, sondern konfrontierte mich mit Fakten, die mich tief erschüttert haben. Sie hat mich bisher auf dem ganzen Weg begleitet. So war sie es auch, die für uns ein Besuch im Frauenhaus in Bischkek organisiert hat.

Ich wusste durch eine Nachricht von Mahabat Uhrzeit und Adresse unseres Termins. Alles andere war ein Abenteuer. Und so standen wir pünktlich vor einem grossen und sorgfältig abgeriegelten Tor. (Zum Schutz der Frauen, werden wir keine Bilder vom Eingang veröffentlichen.) Unsicher, ob wir hier richtig sind, sahen wir einen scheuen kleinen Jungen, der offensichtlich gerade von der Schule kam, das Tor öffnen. Wir folgten ihm hinein und wurden sogleich von vielen Frauen empfangen. Man spürte, dass das massive Tor viel Leid abfangen und Schutz bieten soll. Bei uns stieg die Nervosität. Was weiss man bereits über uns und wie wird man auf uns Europäerinnen reagieren?

Wir sassen gemeinsam bei Tee, Obst und Gebäck am gedeckten Tisch und unterhielten uns. Die Leiterin vom Frauenhaus war eine beeindruckende Frau. Sie strahlt eine unglaubliche Stärke aus, die mich fast ein wenig einschüchterte. Wir führten mit ihr und ihren psychologischen Mitarbeiterinnen Gespräche über ihre Arbeit und die Situation der Frauen in Kirgistan. An diesem Tag begleitete uns eine Übersetzerin aus Usbekistan, die mir ihre russischen Sätze auf englisch ins Ohr flüsterte. Meine Aufregung legte sich, als eine Bewohnerin ein traditionell kirgisisches Lied vortragen wollte. Ein schöner Moment. Ich hätte gerne verstanden, worüber sie gesungen hat.

Wir wurden durch das Haus geführt und konnten die Zimmer der Bewohnerinnen anschauen. Ich entdeckte zahlreiche Visionboards und fragte, was es damit auf sich hatte. „Wir mögen alle den Film the Secret und das sind die Wünsche und Träume der Frauen und ihrer Kinder.“, sagte man mir. „Wenn die Frauen zu uns kommen, müssen sie als erstes sehen, dass sie Ziele und Träume haben können.“ Die Collagen waren liebevoll gebastelt. Zu sehen, wovon die Frauen und Kinder träumen, rührte mich sehr. Eine Frau zeigte mir stolz all ihre Zertifikate, denn dank dem Frauenhaus kann sie eine Ausbildung machen und arbeiten.

Ein junges Mädchen erzählte, dass sie nach Moskau wollte, doch ihre Eltern zwangen sie zur Heirat. Ich konnte kaum glauben, was sie sagte, denn sie war so jung. Mit Hilfe ihrer Freunde gelang ihr am Hochzeitstag die Flucht und so kam sie ins Frauenhaus. Die Mutter des kleinen scheuen Jungen, der mit uns das Eingangstor betreten hat, ist ein Opfer des Brautraubs. Sie sah streng aus, nicht mal traurig, eher wütend. Während unserem ganzen Gespräch besuchte nicht einmal ein kleines Lächeln ihr Gesicht. Sie erzählte, dass sie geraubt wurde und ihre Eltern forderten, dass sie ihren Entführer heiratet, sonst würde sie Schande über ihre Familie bringen. Sie hat ihn nie geliebt, musste sich aber mit ihrer Situation abfinden und lebte fortan mit ihm bei ihren Schwiegereltern. Nachdem ihr Mann früh gestorben ist, haben ihre Schwiegereltern sie von heute auf morgen auf die Strasse gesetzt. So kam sie mit ihrem Sohn ins Frauenhaus. Sie sagte, dass sie versucht ihrem kleinen Sohn beizubringen, dass Frauen respektiert werden sollen, denn sie sind ebenfalls Menschen. All diese Frauen und ihre Geschichten erwecken das Gefühl als wären sie Menschen zweiter Klasse. Sie hatten keine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben.

Ich habe die Frauen gefragt, wenn sie einen Wunsch äussern können, welche Aussage ich mit meinem Film machen soll, was wäre das? „Frauen sollten anfangen über ihre Rechte zu sprechen. Junge Frauen brauchen ein positives Vorbild. Sie müssen wissen, dass sie nein sagen können und für ihre Rechte kämpfen.“, diese Forderung nehme ich mir sehr zu Herzen. Es war ein sehr emotionaler Tag im Frauenhaus und die vielen Schicksale, die uns erzählt wurden, haben mich tief bewegt. Die Frauen, die sich dafür einsetzen, anderen Frauen zu helfen, haben meinen vollsten Respekt.

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