Jan
Pre-Production

Wie castet man eigentlich in Kirgistan?

 

Wir haben in den letzten Jahren so ziemlich jede Website und jeden Abspann von kirgisischen Filmen nach Filmschaffenden durchforstet: Schauspieler, Produzenten, Regisseure, Assistenten, Caster… Personen, die wir für unser Filmprojekt anfragen konnten. Filmschaffende in Kirgistan zu finden funktioniert nicht, indem man Namen googelt und wenn, dann findet man russische Seiten, die ich nicht verstehe.

Über mehrere Anfragen und E-Mails wurde uns Cholponai empfohlen, die mit Kyrgyz Casting die meines Wissens einzige Castingagentur in Kirgistan betreibt. Choplonai spricht kein Englisch und so haben wir mit Hilfe von Nadine Boller, die Kirgisisch spricht, mehrere Skype Gespräche organisiert, in denen wir in einem deutsch-kirgisischen Chaos doch eine gemeinsame Sprache gefunden haben. Mit Händen und Füssen konnten wir nicht kommunizieren. Das Internet ist zu schlecht, um eine Videoverbindung aufzubauen. Sobald unsere Reisedaten feststanden, organisierte Cholponai nicht nur unser Locationscouting, sondern auch ein mehrtägiges Casting. Google Translate übersetzte meinen Castingbeschrieb ins Russische. Ich weiss bis heute nicht, ob diese Infos brauchbar waren aber wie das so ist in Kirgistan: man macht einfach mal.

Vor dem Casting war ich nervös, nicht nur wegen der Sprachbarriere, auch weil ich nicht wusste, ob überhaupt jemand kommen würde. Schliesslich mussten wir fündig werden. Wir sind 6‘000 km gereist, haben privates Geld investiert und hatten drei Tage Zeit, um die Hauptdarsteller für den Film zu finden. Wenn wir niemanden finden würden, dann können wir nicht einfach an einem anderen Tag wiederkommen.

Am ersten Castingtag besorgten wir Schwarztee und Süssigkeiten, denn das gehört sich so. Der Wartesaal füllte sich mit Menschen, vielen Menschen, die zum Teil 4 Stunden gewartet haben, um vorzusprechen. Meine Sorge, dass niemand kommen würde, war also unbegründet. Cholponai hat auch hier ganze Arbeit geleistet. Casting auf kirgisisch ist gar nicht so viel anders als in der Schweiz, einzig der Umgangston ist viel rauer und wir waren langsamer, denn jedes gesprochene Wort musste von Nadine übersetzt werden. Um den Überblick zu behalten, mussten wir ein Nummernsystem einführen, denn für uns waren die kyrillisch geschriebenen Namen viel zu kompliziert.

Während wir am ersten Tag noch einen warmen Konferenzraum in einem Kino hatten, fand das Casting die kommenden Tage in den kirgisischen Filmstudios statt. Die zusammenfallenden Sowjetbauten spiegeln die Situation des kirgisischen Films wider. Die kleine Filmbranche stürzt ein, da der Staat nur Firmenbosse und keine Künstler unterstützt, sagte man mir. Die Räume waren kalt, so kalt, dass wir unseren Atem dampfen sahen. Kleine alte Heizstrahler, die drohten jeden Moment Feuer zu fangen, gaben ihr Bestes, uns zu wärmen, jedoch war die Kälte stärker als sie. Schwarztee aus alten, schmutzigen Bechern half da schon besser.

Jedem der 160 Menschen stellte ich die gleiche Frage: der Film behandelt kritisch das Thema Brautraub (Ala Kachuu), bist du damit einverstanden? Und alle hatte etwas zu diesem Thema zu sagen. Jeder hatte mindestens ein Familienmitglied, das geraubt wurde, einige Frauen sagten sogar, dass sie selbst schon geraubt wurden, einige junge Männer erzählten stolz, dass sie bereits mehrere Male bei einem Brautraub mitgeholfen haben. Ich fragte einen, ob das Mädchen den Mann auch heiraten wollte. „Wir standen einfach an einer Strassenecke in Bischkek und haben beschlossen die nächste zu nehmen, die vorbei läuft. Sie kannte ihn nicht.“, antwortete der Mann mit einem Lächeln im Gesicht.

 

Die drei Castingtage waren eine emotionale Reise. Sie waren intensiv, anstrengend und haben unglaublich viel Spass gemacht. Eine ganz besondere und wertvolle Erfahrung, die ich nicht missen möchte und sicher mitnehme für meine weitere Arbeit in der Schweiz. Die dritte Schauspielerin, die zum Vorsprechen kam, überzeugte uns so sehr für die Hauptrolle, dass sie drei Tage geblieben ist, um mitzuhelfen, anzuspielen und zu übersetzen, denn sie konnte sogar Englisch. Wir sind zu einem Team zusammengewachsen und jeder hat am gleichen Strang gezogen. Am Ende hatten wir genau 160 Menschen in drei Tagen gesehen plus einen Recall mit den Favoriten veranstaltet. Wir waren übermüdet, durchgefroren und erschöpft aber sehr glücklich, denn wir konnten jede Rolle besetzen.

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